Freud und Leid

20.01.2017

Ein Verschnaufen war für uns alle wichtig über den Jahreswechsel, denn es gibt nach wie vor viel zu tun und wir wuseln uns schon wieder durch unser Tagesgeschäft, das teilweise echt harte (Ehrenamts-)Arbeit ist. Das Engagement der Helfer ist nach wie vor groß und wir lassen uns nicht unterkriegen - können aber gerne jederzeit noch Hilfe gebrauchen, vor allem bei den Einzelpatenschaften oder bei den Projekten.

Wir freuen uns für alle, die Schritt für Schritt nun weiterkommen - sei es, dass endlich der langersehnte Familiennachzug klappen wird, ob sich arbeitstechnisch was tut, schulisch, sprachlich... jeder Schritt nach vorne ist wichtig für das persönliche Empfinden, Selbstwertgefühl und letztendlich auch für die Integration und das Zusammenleben. Es ist für uns Helfer ein so großes Geschenk zu sehen, dass in diesen Fällen all unser Bemühen letztendlich so lohnend ist und wir den Anfang des Weges begleitet haben mit all den verbundenen Hürden und Umwegen. Bald stehen sie auf eigenen Füßen und wir merken, dass wir auch immer mehr loslassen können und sich das Konzept Hilfe zur Selbsthilfe bewährt hat.

Auf der anderen Seite ist dies leider bei einigen auch mit Problemen verbunden. Endlich zur Ruhe gekommen, platzen Wunden wieder auf und die Seele weint bitterliche Tränen über verstorbene Familienangehörige, zugefügtem Leid, Heimweh nach dem "alten" Leben vor dem Krieg, Verfolgung, Existenzängste.. Zugegeben, das ist um Einiges schwerer für uns zu stemmen, als so manche Wohnungssuche oder die Hilfe zur Selbsthilfe. Denn hier ist ein Punkt erreicht, wo wir auch selber auf uns achten sollten und offizielle Stellen mehr und mehr sich dieser Problematik annehmen müssten. Hier braucht es geschultes Personal mit Traumaerfahrung. Vor allem stelle ich fest, dass es hier an weiblichen Personal mangelt mit den entsprechenen Sprachkenntnissen, wo sich vor allem Frauen anvertrauen können. Für Ehrenamtler sind die vielen Schicksale einfach zu schwer zu verdauen, denn sie liegen meist jenseits jeglicher Vorstellungskraft.

Auch ist es momentan für uns alle nicht so einfach mit all den langen Asylverfahren umzugehen. Die Motivation auf Integration, Sprache lernen, Arbeitsaufnahme nimmt eher ab, desto länger die Verfahren dauern und immer mehr Hürden zu nehmen sind. Problematisch sehen wir hier die gesetzlichen Einschränkungen, wenn nur bestimmte Landsleute mit potentieller Bleibeperspektive beispielsweise zu Sprachkursen zugelassen werden.

Das mag theoretisch für manche logisch erscheinen, nur die Bleibenden zu unterstützen und die, die einmal gehen müssen nicht, aber Asylverfahren dauern immer noch eine sehr lange Zeit für bestimmte Länder. Kontraproduktiv - diese Menschen nicht zu sehen und nicht mit einzubinden, denn sie sind eine längere Zeit auch Teil unserer Gesellschaft, selbst wenn sie irgendwann wieder gehen müssen. Die Zeit muss hier sinnvoll genutzt werden diesen Menschen etwas mitzugeben in ihre Heimatländer, wo sie dann als Multiplikator für das stehen können, was sie bei uns selbstverständlich erleben: Soll das wirklich Ablehnung, Hass, Ausgrenzung sein?...oder wäre es sinnvoller ihnen zu zeigen wie es sich anfühlt gesehen zu werden, Hilfe zu erhalten, solidarisch zu sein, friedlich miteinander umzugehen, sich gewaltfrei auseinanderzusetzen? Das sind doch Werte, Erfahrungen, die sich in die Herzen einbrennen, die Hoffnung und Mut geben und letztendlich vielleicht dann Verbreitung finden.

Auch Menschen mit Duldung wird der Zugang zum Arbeitsmarkt immer mehr erschwert bzw. verwehrt. Dies ist leider nicht nachvollziehbar für uns, denn Duldungen können auch eine lange lange Zeit bestehen bleiben. Natürlich ist das Argument, dass man sich an gesetzliche Regularien zu halten hat, aber es muss erlaubt sein zu fragen, ob diese Regularien in der Praxis auch sinnvoll sind.

Kopfzerbrechen macht uns auch das Thema Afghanistan. Abschiebebescheide flattern ins Haus. Die Abschiebegründe lesen sich bei allen fast ähnlich - bestehen sie oft nur noch aus Textbausteinen, die eine individuelle Beurteilung kaum vermuten lassen. Ja, wir haben auch Angst, dass unsere Schützlinge abgeschoben werden in ein Land, das so gar nicht mehr ihres ist oder noch nie ihres war, da sie dort vor Angst, Folter, Terror, Verfolgung, Bedrohung, Zwangsheirat geflohen sind - teilweise schon vor Jahren ins Nachbarland, wo sie als Menschen auch nicht gewollt waren - und dort in Armut, Illegalität, Zwangsprostitution und Obdachlosigkeit lebten. Wann hat diese Odyssee ein Ende für die Menschen? Wann dürfen sie endlich anfangen zu leben? Ankommen, träumen, planen, leben?

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